Südafrikanisch-deutscher Theateraustausch

  • Unterschleißheim, Deutschland
  • Platz 3 - Sonderpreis Award 2018
    Platz 3 Award 2017
  • Globales Lernen, Theater
'Scenes of Migration': 13 südafrikanische und 9 deutsche Abiturient*innen verbunden durch ihre Leidenschaft für das Theater: Von einer Schulpartnerschaft 2010 zum Statement für Flucht Migration 2018!

22 Jugendliche aus einer Kleinstadt in Südafrika bzw. Unterschleißheim in München lebten, probten und spielten im Sommer 2018 gemeinsam zwei Wochen Theater. Aus eigener Recherche war eine Textvorlage über Flucht und Migration in beiden Ländern entstanden, die erstaunlich viele Parallelen zeigte: „Heimatverlust, Schutzsuche und Fremdenhass“ wurden als globale Phänomene erlebbar. Die Vorarbeit beider Gruppen, erhielt in harter gemeinsamer Probenarbeit ihren bühnenreifen Schliff. Die Einzelschicksale Geflüchteter wurden in Tanz, Musik und körperbetontem Spiel zu einem Kaleidoskop von Migration und Xenophobie. Acht Aufführungen in Kleinkunstbühnen, Jugendeinrichtungen, dem Münchner Volkstheater, aber auch in Berlin auf dem Alexanderplatz fanden ein berührendes Echo bei etwa 1000 Zuschauern, aber auch in Zeitung und Rundfunk.

Einführung

'Scenes of Migration': 13 südafrikanische und 9 deutsche Abiturient*innen verbunden durch ihre Leidenschaft für das Theater: Von einer Schulpartnerschaft 2010 zum Statement für Flucht Migration 2018!

Kurzbeschreibung des Projektes

Interviews somalischer und syrischer Flüchtling umgesetzt in Tanz und Theater südafrikanisch-deutscher Jugendlicher, präsentiert im Münchner Volkstheater und auf dem Berliner Alexanderplatz: "Scenes of Migration" - unsere gemeinsame Leidenschaft „Theater“ wurde vom Schüleraustausch 2010 zum politischen Statement für Migration und Toleranz 2018!

Der Projektansatz

Unser Austausch ruht auf unserer gemeinsamen Liebe für Theater. Beide Gruppen haben dazu eigens recherchierte Szenen „mitgebracht“. In den Proben bringt dann jeder sein Talent (tanzen, singen, Schauspiel, Dramaturgie, Regie) ein, die Szenen verschmelzen. Stets wird Englisch geredet, was für alle Zweitsprache ist, alle Vorschläge werden ausprobiert und können sich demokratisch durchsetzen. Das Thema „Xenophobie“ regte uns über die Proben hinaus zu Gesprächen an. Ich habe z.B. von einem unserer Partner gehört, dass er durch unser Stück ein neues Verhältnis zu seinem Stiefvater aufgebaut hat, den er bis dahin nur als lästigen Einwanderer gesehen hat. Für uns wurden die Zahlen der „Flüchtlingswelle“ aus den Medien nun Namen, Gesichter, Schicksale. Auch über Rollenbilder haben wir viel gelernt: Ein Partner sagte, dass er sich durch die sichere Atmosphäre und den Rückhalt der Gruppe erstmals wirklich wie ein Kind verhalten konnte. Unseren Spielleiter als Lehrer und Vater zu erleben, bot ihm ein ungewohntes „Bild von Mann“. Umgekehrt haben wir erlebt, wie gut weniger Egoismus der Gruppe tun kann. Wird „zuhause“ oft auf jede Befindlichkeit Rücksicht genommen, so stand für unsere Partner die Gruppe bzw. unser Stück im Vordergrund. Wird „bei uns“ etwa stark darauf geachtet, dass jeder gleich viel Text bekommt, kam es unseren Partnern darauf an, „dass der Beste den Satz sagt“. „Bühne“ und „Privatleben“ wurden strikter getrennt, sodass das eigene Wohlbefinden nicht von Rollenumverteilungen oder Zurechtweisungen während den Proben beeinflusst werden. Am Ende waren alle stolz auf das gemeinsam geschaffene Stück! Der von der Schule ausgehende Teil des Austausches ist zwar vorbei, doch wollen wir unsere Freundschaften bewahren und haben uns deswegen für zwei Festivals 2019 in Kapstadt und in München beworben. Unabhängig davon ist ein Besuch des leitenden südafrikanischen Ehepaars schon fest gebucht. Fünf aktuelle Teilnehmer und zwei ehemalige fliegen im September nach Südafrika.

Die Beteiligten

Unser Theateraustausch wurde großenteils von uns selbst geplant. Wöchentlich trafen wir uns und klärten offene organisatorische Fragen, verteilten Aufgaben und stimmten uns über Themen wie Duschzeiten und Zimmeraufteilung ab. Über unsere Lehrer wurden die Meinungen und Wünsche beider Gruppen miteinander abgestimmt. Individuell hielten wir Schüler über WhatsApp Kontakt und fragten auch individuelle Wünsche ab, z.B. zum Familienwochenende. Während wir uns um die Vor- und auch schon die Nachbereitung selbst kümmerten (Fahrkartenkauf, Gruppenspiele auszudenken, Farewell-Party organisieren, Fotobücher erstellen, Filme schneiden ...), bereiteten unsere Familien das Familienwochenende vor, sowie Fahr- und Transportdienste und ein fast täglich frisches Kuchenbuffet. Neben den Klassen, die unsere Aufführungen besuchten, waren viele weitere Mitschüler und auch Ehemalige involviert: Das Technikteam sorgte für Licht und Ton und half – zusammen mit einer Crew Ehemaliger - beim Auf- und Abbau der wechselnden Bühnen sowie den Transporten zwischen den verschiedenen Aufführungsorten. Das Fototeam der Schule und einzelne Mitschüler aus dem Wahlkurs „Film“ hielten die Aufführungen fest. Zwei Teilnehmerinnen des Austausches 2015 begleiteten uns die ganzen zwei Wochen, fuhren Autos, kauften ein und waren Regieassistenz. Bei der Finanzierung kam uns die örtliche Jugendbegegnungsstätte entgegen. Eltern gingen mit auf Sponsorensuche, so dass neben dem Elternbeirat und dem Ehemaligenverein sogar Raiffeisenbank, Lionsclub und Flughafen gewonnen werden konnten. Örtliche Bühnen wie das Jugendzentrum und eine Kulturkreiskneipe boten günstigste Konditionen, erstmals wurde das Münchner Volkstheater auf uns aufmerksam. Eine Schülercrew erwirkte mit hartnäckiger PR-Arbeit Berichte in drei Zeitungen und im bayernweiten Rundfunk. Auf Seiten der Südpartner halfen Eltern und Lehrer im komplizierten Visumsprozess, aber auch bei Transporten und kleineren Anschaffungen, wie Kleidung oder Koffern.

Erleben, Verstehen Bewerten und Handeln bezogen auf eine nachhaltige Entwicklung in Deutschland und im jeweiligen Partnerland

Bereits 2017 haben wir gelernt Ressourcen, wie zum Beispiel Wasser, zu schätzen. 2018 machten uns unsere Freunde, v.a. auch am Familienwochenende, viele weitere dieser Privilegien bewusst: Sicherheit, Nahrung, Wohnraum, Eltern, Schulsystem. Durch die Offenheit und Freundlichkeit unserer Freunde haben wir erlebt, wie wichtig es ist, geschaffene Schutzräume zu respektieren und zu schützen. Für unsere Partner ist eben das drama department ein besonderer Raum in ihrem Leben, in dem man offen und verletzlich sein darf. Ohne jegliche Anlaufschwierigkeiten wurden wir in diesen Raum mitgenommen und konnten so über schwere Themen reden und uns austauschen. Wir haben gesehen, wie wohl man sich in einer Umgebung fühlt, in der Menschen offen miteinander reden und sowohl bei Problemen, als auch in schönen Momenten füreinander da sind und sich gegenseitig beraten. Unsere Partner haben uns Mut gemacht, uns viel ehrlicher zu verhalten, zu öffnen und auch in ungewohnten Situationen aufeinander zuzugehen, um einander beizustehen. Durch das Projekt haben wir gelernt, disziplinierter an Sachen heranzugehen. Obwohl wir jeden Tag sehr hart gearbeitet haben, haben wir trotzdem viel Spaß gehabt und uns gleichzeitig alle gegenseitig ins Herz geschlossen. Wir haben zusammen gelacht und geweint. Herzlichkeit und Disziplin widersprechen sich nicht. Und unsere Partner haben uns beigebracht, „Danke“ zu sagen, oft und von Herzen, auch für einfache Dinge. Umgekehrt schreiben uns unsere Partner, wie sehr sie der Besuch in Deutschland motiviert hat für noch mehr eigene Anstrengung für Bildung und einen guten Abschluss. Ganz konkret wollen wir nicht nur im Juli in Deutschland und im August unser Stück in Südafrika wiederaufnehmen. Unsere Partner*innen haben auch an ihrer Schule mit unserem Stück schon eine große Podiumsdiskussion mit Teilnehmenden aus der community zum Thema „Rechte für Flüchtlinge – Rechte für ´Einheimische´“ abgehalten.

Titelbild

Weitere Bilder

Einführung

'Scenes of Migration': 13 südafrikanische und 9 deutsche Abiturient*innen verbunden durch ihre Leidenschaft für das Theater: Von einer Schulpartnerschaft 2010 zum Statement für Flucht Migration 2018!

Projektansatz

Eine Beziehung des Gebens und Nehmens Bereits 2015, als die acht südafrikanischen Mädchen zu uns nach Unterschleißheim kamen, war unsere Beziehung zueinander geprägt von einem beiderseitigen Geben und Nehmen. Die Mädchen brachten uns ein in mühevoller Arbeit komponiertes Theaterstück („Girls in their Sunday best“), in das wir unsere eigenen Ideen mit einfließen ließen, sodass ein ganz neues, ein gemeinsames Stück („Uncut“) entstehen konnte. Sie kamen nicht einfach nur nach Deutschland, sondern in unsere Familien und mit sich brachten sie ihren Charakter, ihre Kultur und ihren Lebensmut, den sie mit uns teilten. Im Theater fanden wird auf eine ganz neue – körperliche und emotionale Sprache jenseits von Deutsch, Englisch oder Afrikaans – Art zueinander und wurden eine Gruppe statt zwei. In gemeinsamen Diskussionen sowie auch in privaten Gesprächen zu zweit tauschten wir uns über kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede aus und wurden uns dabei jedoch immer mehr unserer vielen Gemeinsamkeiten bewusst. Diskussionen über Respekt im Umgang untereinander, aber auch gegenüber unseren Lehrern oder über Parallelen in der südafrikanischen und deutschen Vergangenheit schufen ein gemeinsames Fundament, auf dem wir uns bei der diesjährigen Reunion Tour wiederbegegnen konnten. Diese damals gelegte Basis und besonders die Erinnerung an unser gemeinsames Theaterstück führten uns erneut zusammen. Das Stück unserer Reunion Tour war nicht bloß eine Renaissance von „Uncut“, sondern verflocht in neuen Szenen das Schicksal von deutschen und afrikanischen Frauen miteinander. Auch die Rollen von Gast und Gastgeber waren diesmal vertauscht. Endlich konnten unsere Austauschpartnerinnen uns ihre Heimat, ihre Familien und ihr Leben nicht nur mit Worten beschreiben, sondern tatsächlich zeigen. Chelsea Matheus nahm uns beispielsweise für einen Nachmittag mit zu sich nach Hause und stellte uns ihrer Familie vor und Nekita führte uns über den Campus der Stellenbosch University und nahm uns mit in einige ihrer Lehrveranstaltungen. Wir wohnten bei unserer südafrikanischen Theaterlehrerin Jill Markram und ihrem Ehemann, mit denen wir viele lange Gespräche bis spät in den Abend hinein führten und so auch zu ihnen eine tiefe Zuneigung und Freundschaft entwickelten.

Magdalena Kellermann

Erleben, Verstehen Bewerten und Handeln bezogen auf eine nachhaltige Entwicklung in Deutschland und im jeweiligen Partnerland

Was das Projekt mit uns gemacht hat Unser Stück besteht aus wahren Geschichten, zusammengetragen durch Interviews mit Verwandten, Tagebüchern und auch Biographien. Es sind Frauenschicksale aus Deutschland und Südafrika. Jede Schauspielerin verkörperte einen Part, der es ihr ermöglichte in das Schicksal hineinzuschlüpfen und zu verstehen. Wir waren jedoch alle immer durchgängig auf der Bühne und wechselten zwischen Opfer- und Täterrolle, Zuschauer und Fremdem. Da unsere Tour entlang der Westküste hoch bis an die Grenze von Namibia ging, webten wir Geschichten deutscher Frauen mit ein, die Ende des 19.Jahrhunderts nach Deutsch-Südwest-Afrika (heute Namibia) kamen. Für mich  war es eine Auseinandersetzung mit unserer Kolonialgeschichte, die in diesem Sinne vorher nicht stattgefunden hatte. Wir sahen beide Seiten, erkannten die Tragweite des Völkermords durch Lothar von Trotha, aber erlebten auch selber die Sicht der verschleppten jungen Frauen. Auch für unsere Austauschpartnerinnen war es eine Auseinandersetzung mit der Kultur und der Geschichte eines anderen Teil ihres Landes. Gemeinsam besuchten wir in Kamieskroon eine Gruppe Nama-Frauen, die für uns traditionell kochten. Unsere Aufführung an der Okiep Highschool war eingebettet in einen kompletten kulturellen Abend. Das Gedicht, dass die dortige Theaterlehrerin vortrug, passte mit den Themen Identität, Vorfahren und Kultur ebenso wunderbar ungeplant zu unserem Stück wie der traditionelle Feuertanz der Nama-Kultur, den uns die Theatergruppe der Schule zum Abschluss des Abends zeigte. Um sie auch dem deutschen Publikum zugänglich zu machen, filmten wir alle Aufführungen. Der Zusammenschnitt ist nun auf unserer Homepage hochgeladen. Wir hoffen mit bridge-it! eine noch eine größere Reichweite zu erreichen, denn wir sind überzeugt, dass unser Projekt und unser Stück verbreitenswert sind. Der Südafrika-Austausch läuft an unserer Schule noch weiter. 2018 findet ein Rückbesuch statt nach Deutschland, bei dem wir Ehemaligen aktiv als Unterstützer dabei sein werden. Ich persönlich hoffe, dass die Reunion als Vorbild für jede neue Runde fungiert und zeigt, dass es sich bei dem Projekt nicht nur um eine Partnerschaft der Schulen sondern aller Beteiligten miteinander handelt und dass sie auch nach dem Austausch und dem Schulabschluss weiterbesteht, solange wir im Kontakt bleiben. Chelsea Matheus sagt dazu: ” I think that teenagers all over the world are the same and that we have a universal language and because we are like-minded therefore my actions connect with my counterparts. We keep on communicating via WhatsApp and e-mailing; we communicate by having conversations about our countries and how we do our particular activities from this communication, we develop lifelong friendships and bonds. We talk about our different changes in our local and universal environments, we speak about things that impact our lives and different things that we are challenged with on a daily basis.” Ich hab durch die Zeit in Südafrika gelernt, in welcher privilegierten Rolle ich als Deutsche stehe und, dass ich als Einzelperson und wir als Gesellschaft hier im globalen Norden unbedingt daran arbeiten müssen, die Unterschiede in Lebensstandard und Chancenungleichheit abzuschaffen. Ich habe auch erkannt, dass der Klimawandel in Südafrika sehr viel präsenter ist als bei uns. Deswegen arbeite ich nun daran einen nachhaltigen Lebensstil zu entwickeln. Mein Ziel nach meinem Studium ist einen Beruf zu finden, in dem ich an der Veränderungen der Welt zu einem lebenswerten Ort für alle mitwirken kann. Ich habe auch unsere Partnerinnen gefragt, was sich für sie geändert hat. Sikelelwa Vuyeleni schrieb: “I have learnt a lot about how different our backgrounds are but also how we share common ground in some history. Our differences never stopped us, we never allowed any barriers as this project taught us selflessness and to fully engage in each other's cultures/lives therefore leading to us learning a lot more about each other.”  Chelsea sagte: „ I think globally now and the project has empowered me to start thinking bigger and to strive for better things. It has opened my eyes to new and different perspectives.  I have learned to be more accommodating with how others think and operate in their daily lives, it has made me aware that you must be be aware of what your partners could find offensive.” Bei einer der langen Busfahrten fingen wir an, ein wenig mit dem Text herumzuspaßen. Wir fragten uns „was wäre, wenn wir das Stück immer wieder aufführen würden?“ und änderten einige Textstellen, sodass sie auch für uns als „Seniorinnen“ passen würde. Das war ein großer Spaß, aber  unterbewusst entstand wieder ein Traum. Mein größter Wunsch für unsere Partnerschaft wäre, dass es weiter geht. Dass sich das Stück weiterentwickelt, parallel zu unserer Weiterentwicklung, wir immer neue Texte und Schicksale einweben und wir dann als nächstes damit durch Deutschland touren. Das wird nicht einfach, denn mittlerweile studieren wir alle, entwickeln jeder unser eigenes Leben und finanziell wird es auch nicht einfach zu stemmen sein. Aber nun wurde schon einmal das Unmögliche möglich, vielleicht schaffen wir es ein zweites Mal. Der Kontakt zwischen uns wurde durch das Wiedersehen nun intensiver. Ich schreibe regelmäßig mit den Lehrern und meinen Freundinnen und hoffe, dass ich sie bald entweder bei mir wieder aufnehmen kann oder es möglich ist, sie zu besuchen.

Lisa-Marie Kauck

Einführung

'Scenes of Migration': 13 südafrikanische und 9 deutsche Abiturient*innen verbunden durch ihre Leidenschaft für das Theater: Von einer Schulpartnerschaft 2010 zum Statement für Flucht Migration 2018!

Titelbild