Warum es nötig ist, den eigenen Rassismus zu erkennen

Quelle: Tagesspiegel Online 12.08.2018, 12:53 Uhr

Die Angst vor dem R-Wort

Über Privilegien muss man reden– auch über die der Weißen

Warum es nötig ist, den eigenen Rassismus zu erkennen. Ein Kommentar nach dem Kommentar.

Andrea Dernbach

Es gibt Zeitungstexte, die schreiben sich nach dem Andruck weiter. Weil sie die, die sie lesen, treffen – und sie antworten. Die eine, weil sie das Gefühl hat, da habe jemand genau das ausgedrückt, was sie auch so sieht. Der andere, weil er sich geärgert hat oder richtig wütend ist.

Vor zwei Wochen stand an dieser Stelle ein Text über den Rassismus in uns allen. Noch immer kommen Reaktionen darauf, und sie sind durch die Bank eher wütend. Aber sie sind auch ziemlich lehrreich. Hier das, was die Autorin daraus gelernt hat.

Ich und Rassist? Absurd!

Erstens: Jeder und jede fühlt sich nicht nur persönlich angesprochen, sondern persönlich beleidigt: Ich und Rassist? Absurd! Was behaupten Sie da (sprich: über mich)? Das ist die Wut über einen vermeintlich erhobenen Zeigefinger. Dabei heißt „wir“ zu sagen, in der Regel erst einmal, sich selbst zu meinen. Im Text ging es auch ausdrücklich nicht um einen persönlichen Charakterfehler, sondern um etwas, was uns – also den Gesellschaften, die üblicherweise die westlichen genannt werden – seit Jahrhunderten mitgegeben, eingeflößt wird, was unsere Kultur durchtränkt.

Vom minderen Wert oder der Gefährlichkeit der Nichtweißen erzählten unseren Eltern und Großeltern noch Rassentheorien. Bis heute machen das Romane, Werbeplakate, die nur weiße Kundschaft kennen. Aber auch die eigene Mutter, die sich im Bus nicht neben den schwarzen Mann setzt. Oder die Medien, die aus Großbritannien Analysen von Reden der Premierministerin senden und aus Kenia Menschenmassen, die nach einer Wahl aufeinander losgehen. Wenn praktisch auf allen Kanälen Nachrichten über Unter- und Überordnungssysteme gefunkt werden: Wer kann sich dem widersetzen? Absurd ist es doch eher zu glauben, man habe eine echte Chance, nicht zur Rassistin zu werden.

Wer über Privilegien nicht reden will, trägt dazu bei, sie zu erhalten

Rassismus persönlich zu nehmen, als Vorwurf ans eigene Ich, man habe versagt, sei mangelhaft, verschafft freilich die Chance, nicht über ihn reden zu müssen. An dieser Stelle beginnt dann allerdings wirklich Schuld. Wer nämlich, erst recht in einer immer vielfältigeren Gesellschaft, über Privilegien nicht einmal reden will, der arbeitet daran mit, dass sie erhalten bleiben. Und es ist nicht nur ungerecht und in nicht wenigen Fällen unmenschlich, wenn ein wachsender Teil der Bevölkerung nur seiner Hautfarbe und seiner Namen wegen keine Wohnung bekommt, keine Einladung zum Bewerbungsgespräch oder auch nur schief angesehen wird. Das ist auch eine Last für die Gesellschaft insgesamt, weil es die Intelligenz und Fertigkeiten eines wachsenden Teils verschleudert und Frustration erzeugt, die sich in Depression entladen kann oder Aggression. Übrigens auch aufseiten der Privilegierten.

Die Abwertungskämpfe sind spätestens seit Thilo Sarrazin sicher auch Abwehrkämpfe gegen die berechtigten Ansprüche der Kinder der Nicht-Alteingesessenen. Weil die, denen bisher diese Welt gehörte, ahnen, dass sie Konkurrenz bekommen, dass Weißsein nicht mehr ewig die – natürlich unausgesprochene – Voraussetzung sein könnte, um Eintrittskarten zu dieser Welt zu bekommen. So wie Mann sein nicht mehr so selbstverständlich wie früher den exklusiven Zugang zu Macht, Geld, Status verschafft.

Reisen sind kein Gegengift gegen Rassismus

Auch hier wurde das Argument, dass rein männliche Vorstände schlicht durch bessere Leistung zustande kämen, irgendwann komplett unmöglich. Schließlich konnten die Naivsten sehen, dass vor der Auswahl der angeblich Besten fünfzig Prozent der Menschheit, die Frauen, schon einmal aussortiert und ihren Leistungen und Fähigkeiten zum Trotz auf Abstand gehalten worden war.

Ein weiteres wiederkehrendes Argument, sich die Auseinandersetzung mit Rassismus vom Leibe zu halten, ist der Verweis auf die eigenen internationalen Erfahrungen. Man hat in zehn Ländern weltweit gearbeitet und eine mongolische Schwiegertochter. Da sei es doch ein Witz, wenn…

Nein. Wenn Reisen und Arbeit in wechselnden Ländern ein Gegengift gegen Rassismus wären, dann hätten europäische Kolonialbeamte eigentlich den Imperialismus zu Fall bringen müssen. Sie waren aber, oft gebildet und mehrsprachig, seine Stützen. Sie profitierten schließlich vom System.

Wenn Herkunft keine Rolle mehr spielen soll, müssen wir über das R-Wort reden

Eigene Privilegien verteidigen, mag legitim sein. Spannend wäre aber, an einer Gesellschaft zu arbeiten, in der Hautfarbe, Name und Herkunft keine Rolle mehr dafür spielen, welchen Platz man in ihr bekommt. Dafür muss man über das hässliche R-Wort aber erst einmal reden. Dank also an die Leser, die das getan haben. Wütend oder nicht.

Autorin

 


 

Quelle: Tagesspiegel Online 24.07.2018, 18:57 Uhr

Der Fall Özil und der Alltag

Wir sind alle Rassisten – aber das können wir ändern!

Mit dem Finger auf Rassisten zeigen, ist sinnlos. Aber über Rassismus reden und etwas gegen ihn tun, ist dringend nötig. Ein Kommentar

Andrea Dernbach

 

Heute im Radio. „Ist Reinhard Grindel ein Rassist und sollte deswegen zurücktreten?“, wird Claudia Roth gefragt. Gute Frage für eine Journalistin, denn wenn Roth Ja sagt, hat unsereins eine Nachricht: „Die Bundestagsvizepräsidentin und Grünen-Politikerin Claudia Roth fordert den Rücktritt von DFB-Präsident Grindel. Die Bundestagsvizepräsidentin sagte dem …“

Ganz schlechte Frage aber, wenn Mitmenschen sie einander in den Alltag schlenzen. „So eine Rassistin!“, „Merken Sie nicht, wie rassistisch Sie reden?“ Da endet zuverlässig jedes Gespräch, vorzugsweise seit es Soziale Medien gibt: „Ich lasse mich doch nicht von Ihnen als Rassistin bezeichnen/in die Nazi-Ecke stellen/beleidigen!“ oder „So weit sind wir also schon, dass man als Rassist gilt, wenn man sagt, was ist.“

Schwarzer Mann und Südseekönig

Und Schluss. Oder Krach. Auf jeden Fall nicht die harte, aber fruchtbare Debatte, die dringend nötig wäre. Rassist, das kommt gleich hinter Nazi, das wollen nicht mal die sein, die Nazi-Vokabular längst in ihren aktiven Wortschatz eingepflegt haben.

Dabei sind wir das alle. Rassisten. Es ist so gut wie unmöglich, in unserem, dem nördlichen Teil der Erde zu leben und es nicht zu sein. Und je mehr Bildungsgut oder auch -ballast einem die Herkunftsfamilie schenkt, desto größer wird das Problem. Die Mär vom schwarzen Mann ist, wenn heutige Eltern Geschichten erzählen, vielleicht aus der Mode. Aber Pippi Langstrumpfs Papa sticht in Astrid Lindgrens (schönem) Klassiker immer noch in See, um ganz selbstverständlich zum König der primitiven Wilden in der Südsee zu werden. Die britische Germanistin, Schriftstellerin und Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo sieht darin zu Recht eine Erzählung über ein koloniales Projekt.

Und in Schule und Universität geht es weiter. „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen“, befand Immanuel Kant. Asiaten – die Gelben – hielt der deutsche Denkerkönig schon für weniger talentiert, Schwarze stünden „weit tiefer“, und am Ende der Tabelle sah der Mann aus Königsberg „einen Teil der amerikanischen Völkerschaften“.

Wer hier gebildet wurde, steckt in der Rassismusfalle

Wir sind, von der Professorin bis zum Polizisten, vom Lehrer bis zur Medienschaffenden, umgeben, umzingelt, durchtränkt von diesem kolonialen „Wissen“ und seinen Vorurteilen. So wie beinahe alles in unseren Bücherregalen immer wieder die angeblich naturgegebene Teilung der Welt in Männer und Frauen reproduziert, einschließlich deren angeblich ebenso gott- oder naturgewollten Rollen. Dass Weiß über Schwarz steht, steckt so fest in westlicher Kultur, dass man den Namen Immanuel Kant nicht einmal kennen, geschweige denn ihn gelesen haben muss. Wir lernen das, mal ex-, mal implizit, seit 500 Jahren, seit der fatalen und brutalen Unterwerfung der Amerikas unter europäische Herrschaft. Die akademische Begründung von Menschen-„Rassen“ im 19. Jahrhundert hat der üblen Praxis die angeblich wissenschaftliche Rechtfertigung nachgeschickt. Nicht zufällig härtete zugleich auch die bis heute geltende Geschlechternorm aus.

Wie also sollte, wer durch Sozialisationsinstanzen auf der nördlichen Halbkugel gegangen ist, nicht Rassist sein? Nicht einmal die, die Rassismus als weniger wertvoll schmäht, sind immun dagegen, auch ihr Selbstbild ist betroffen. Etliche akzeptieren den Irrsinn und halten sich für die Ausnahmen, viele andere beugen sich ihm resigniert. Der Vorwurf „Du Rassist“ ist daher banal und eine Verschwendung von Energie. Wie in der Kinderbuchkontroverse von ihren Gegnern richtig bemerkt wurde: Wir müssten unsere Bibliotheken fast vollständig leeren, um das Gift des Rassismus zu neutralisieren. Das wird nicht zu schaffen sein.

Ehrlich mit sich sein, öffnet neue Horizonte

Und vielleicht sollten wir das auch gar nicht wollen. Aber Gift sollte auch nicht zu Schlagsahne verharmlost werden. Man kann die Dinge beim Namen nennen. Und direkt danach einmal innehalten und fragen, ob die eigene Weltsicht wirklich die einzig mögliche ist, ob wir wirklich die Wirklichkeit sehen, wenn wir über die Demokratiefähigkeit „der“ Senegalesen, die Werte „der“ Türkinnen und den Fleiß „der“ Asiaten urteilen, oder ob wir sie durch die Brille unserer Vorurteile, Prägungen und auch unserer Privilegien sehen. Die Angst vor diesem Experiment scheint übergroß, dabei öffnet es neue Horizonte und kann ein geistiges Vergnügen werden.

Reinhard Grindel sollte also nicht zurücktreten, weil er ein Rassist ist, sondern weil ihm der strukturelle Rassismus in seinem Laden – und seiner ist nicht der einzige – egal ist.

Autorin

Redakteurin